Die Blumen, die Pestizide, die Kinder und der Konzern
20.6.97: In Kenia werden Rosen und Nelken für den deutschen und den nordamerikanischen Markt produziert. Fast alle Farmen setzen massenhaft gefährliche Pestizide ein. Die größte Farm gehört dem Unilever-Konzern. Kinderarbeit ist üblich, Vergiftungen normal.
Die neueste Ausgabe der Zweimonatszeitschrift "Eine Welt", herausgegeben vom Evangelischen Missionswerk in Deutschland, berichtet ausführlich über unmenschliche Arbeitsbedingungen in kenianischen Blumenanbau-Gebieten. Die Ländereien sind mit Stacheldraht und Elektrozäunen gesichert. Uniformierte Wächter mit Funkgeräten kontrollieren die Eingänge. Für Journalisten sind die Manager nicht zu sprechen. Nur mit Tricks gelang es dem Journalisten Werner Paczian, sich vor Ort umzusehen und sich selbst ein Bild zu machen.
Das besuchte Anbaugebiet liegt im Naivasha-Tal, 100 km nordöstlich der Hauptstadt Nairobi. Dort befindet sich auch Kenias größte Farm Sulmac, ein Unternehmen des Unilever-Konzerns. Sulmac hat auch die Arbeiter-Unterkünfte zum Teil eingezäunt: Verschläge von der Größe von Hundezwingern, in denen Familien mit vier, sechs, acht Personen hausen. Paczian berichtet: "Fließendes Wasser und Strom gibt es nicht. Etwa 50 Menschen teilen sich als Toilette ein Loch im Boden "
Gearbeitet wird acht bis zwölf Stunden am Tag. Viele sind Tagelöhner. Ein Ehepaar erzählt, es verdiene zusammen etwa 90 kenianische Schillinge täglich - umgerechnet drei Mark. In den meisten Farmen ist Kinderarbeit üblich, sowohl auf den Feldern als auch bei Verladearbeiten. Die Kinder sind zwischen acht und 14 Jahren alt.
Das schlimmste Problem ist der Pestizid-Einsatz. Schutzmaßnahmen sind völlig unzureichend. Eine nationale Statistik des kenianischen Instituts für medizinische Forschung geht von 350 000 Pestizidvergiftungen im Jahr aus, wovon 1000 tödlich enden. Der "Eine-Welt"-Bericht nennt folgende Chemikalien:
- "Benlate" (Benomyl) - ein giftiges Fungizid aus dem Hause
DuPont; auch in Deutschland zugelassen. Laut Herstelleranweisung müssen
ungeschützte Personen das zu behandelnde Feld verlassen. Wie das Pestizid-Aktions-Netzwerk
(PAN) in Hamburg weiß, ist Benomyl sehr giftig. Bei Versuchen an
Mäusen trat Krebs auf. Anfang der 90er Jahre geriet Benomyl in Großbritannien
in Verdacht, Kindesmißbildungen auszulösen. Bei entsprechender
Einwirkung der Chemikalie in einer bestimmten frühen Phase der Schwangerschaft
sollen Babies ohne Augen zur Welt gekommen sein. Ebenfalls in dieser Zeit
gab es Rückrufe des Fungizids in den USA. Die Chemikalie war mit Atrazin,
einem mittlerweile verbotenen Herbizid, verunreinigt.
- "Saprol" (Triforin) - ein Herbizid, das in Kenia gegen
die Milben der Roten Spinne eingesetzt wird. Laut Packungs-aufschrift kann
das Gift zu einer "chemischen Lungenentzündung" führen.
Es ist in Deutschland zugelassen. Bei Tierversuchen mit Ratten und Mäusen
traten laut PAN Fälle von Krebs, Geburtsdefekten und Chromosomen-Schäden
auf.
- Methylbromid (Brommethan) - ein Stoff, der sowohl gegen Pflanzen als auch gegen Insekten eingesetzt wird; begründeter Verdacht auf krebserzeugendes Potential (Stoffklasse IIIB der MAK-Liste). Die Dämpfe reizen stark Augen, Atemwege, Lunge und Haut. Der Stoff schädigt die Nieren und das Zentralnervensystem des Menschen. Es besteht ein gewisser Verdacht, daß der Stoff Krebs auslösen kann.
Augenverätzungen kommen am Ort der "Eine-Welt"-Recherche häufiger vor, weil die Arbeiter nach dem Methylbromid-Einsatz sofort wieder auf die Felder müssen. Eine kenianische Studie soll ermittelt haben, daß allein die Unilever-Farm Sulmac rund 40 Prozent des in Kenia eingesetzten Methylbromids verbraucht.
Seit 1991 existiert in Deutschland eine "Blumenkampagne", die von einer Reihe unabhängiger Organisationen getragen wird, mittlerweile weltweit arbeitet und sich für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen der Blumenarbeiterinnen und -arbeiter einsetzt. Nach dem Vorbild der "transfair"-Produkte wird ein Gütesiegel auch für Blumen gefordert, die unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt worden sind.
Diesem Vorhaben scheint jetzt der Verband des Deutschen Blumen-Groß- und Importhandels zuvorkommen zu wollen, der ein eigenes Label plant. Die "Blumenkampagne" kritisiert, daß keine neutrale Stelle kontrollieren wird. Außerdem bleiben die Anforderungen des Verbandes weit hinter den Forderungen der "Blumenkampagne" zurück.
Weitere Informationen:
- Menschenrechtsorganisation FIAN als Koordinatorin der "Blumenkampagne", Overwegstr. 31, 44625 Herne, Telefon (02323) 490099, Fax 490018.
- Werner Paczian, Zumsandestr. 34, 48145 Münster, Telefon (0251) 36736.
- Pestizid-Aktions-Netzwerk (PAN), Nernstweg 32, 22765 Hamburg, Telefon (040) 393978, Fax 3907520.
- Verband des Deutschen Blumen-Groß- und Importhandels e.V.
(BGI), Jülicher Str. 32, 40477 Düsseldorf, Telefon (0211)
441388, Fax 482647.
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