Günter Grass und die Bonn-Ankara-Connection
Der Schriftsteller Günter Grass ehrt seinen kurdischen Kollegen Yasar Kemal und greift die Bonner Unterstützungspolitik für das türkische Regime an und erntet Entrüstung in Bonn.
Bonn/Frankfurt am Main, 26. Oktober. Der am 19. Oktober in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels Geehrte, Yasar Kemal, ist ein würdiger Preisträger. Die Oberbürgermeisterin von Frankfurt, Petra Roth (CDU), sagte es so: "Bittere Wahrheiten hat dieser Schriftsteller ausgedrückt und sich damit auf die Seite der Bedrohten und Verfolgten gestellt. Der Erfolg seiner Bücher und ihre Ächtung durch die Machthaber zeigen, was Literatur vermag." Kemals schriftstellerisches Werk gilt den Armen, Ausgebeuteten, von Elend und Krieg geschlagenen Menschen seiner Heimat Anatolien und der Türkei. Einhellig lobten die Redner die Qualität seines Gesamtwerks und gleichzeitig seine Menschlichkeit.
Der Schriftsteller Günter Grass, der die offizielle Laudatio sprach, beließ es nicht bei der individuellen Belobigung und der Rückschau auf die türkischen Vergangenheiten, sondern zeigte auf, wo die deutsche Gegenwart dem türkischen Regime seine unmenschliche Herrschaft stützt: durch Waffenlieferungen, durch die Nichtanerkennung von Kurden als politische Flüchtlinge und durch die Gesinnungsbrüderschaft hiesiger Behörden und hiesiger Ausländerpolitik mit dem türkischen Rassismus. Teile der Grass-Rede sind im folgenden dokumentiert.
"Ins Schwarze getroffen"
Die offenen Worte sorgten in Bonn für Aufregung.
CDU-Generalsekretär Peter Hintze stellte sich
vor die Türkei und warf Grass "intellektuellen
Tiefstand" und "völligen Realitätsverlust"
vor; Grass habe sich "endgültig aus dem Kreis
ernstzunehmender Literaten verabschiedet". Der
parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium,
Eduard Lintner (CSU), sprach von einer "unentschuldbaren
Entgleisung". Bundestags-Vizepräsident Hans-Ulrich
Klose (SPD) nannte die Kritik von Grass "deutlich
überzogen"; er habe die "Fakten nur
zum Teil getroffen". Jürgen Trittin, Vorstandssprecher
der Bündnisgrünen dagegen fand: "Seine
ehrlichen Worte verdienen unsere Hochachtung."
Und Dr. Gregor Gysi, PDS-Chef im Bundestag: "Das
Aufheulen Hintzes bestätigt, daß Grass im
doppelten Sinn genau ins Schwarze getroffen hat."
Türkische Polizei schlägt zu
Während der Streit in Bonn eskalierte, kommentierte
die türkische Polizei die Auseinandersetzung auf
ihre Weise: Der Freund und Mitstreiter des Friedenspreisträgers
Kemal, Esber Yagmurdereli, 52 Jahre alter blinder Menschenrechtler
in Istanbul, wurde am 20. Oktober zur Verbüßung
einer 23jährigen Reststrafe wegen "versuchten
Umsturzes" festgenommen und in ein Hochsicherheitsgefängnis
in der Zentraltürkei gebracht.
"In Europa erhalten jene, die sich für den Frieden einsetzen, einen Preis. In der Türkei kommen sie ins Gefängnis", sagte der Leiter des türkischen Menschenrechtsvereins, Akin Birdal, dazu. Einen Tag später war auch er verhaftet, um eine zwölfmonatige Gefängnisstrafe abzusitzen. Er hätte "zum Klassen- und Rassenhaß aufgerufen", hieß es. Zu deutsch: Er hatte Menschenrechte für die Kurden eingefordert.
Die Publizität dieser Fälle ist der türkischen Regierung unangenehm geworden. Staatspräsident Süleyman Demirel sagte der Istanbuler Zeitung "Hürriyet", er werde ein Begnadigungsgesuch für Yagmurdereli unterzeichnen, sobald es ihm vorliege. Yagmurdereli hat jedoch bereits schriftlich erklärt, er wolle keine Begnadigung.
Stuttgarter Gruß nach Ankara
Ein ähnliches Thema - gewissermaßen die andere
Seite der gleichen Medaille - beschäftigte am
20. Oktober die baden-württembergische Landesregierung
in Stuttgart. Eine inzwischen 16jährige Kurdin
namens Fena Özmen, deren Bruder in Heidelberg
als politischer Flüchtling anerkannt ist, war
am 9. Juli 1997 aus Heidelberg abgeschoben worden.
Sie hatte die Wiedereinreise und Familienzusammenführung
mit ihrem Bruder beantragt. Begründung: Der Vater
ist tot, die Mutter halbseitig gelähmt, die übrige
Verwandschaft in der Türkei weigert sich, sie
aufzunehmen, und in ihrem Heimatort Cizre (Südost-Türkei)
herrscht der Ausnahmezustand. Dennoch lehnte die CDU-FDP-Landesregierung
ihre Einreise ab. Im Kabinett, so wurde mitgeteilt,
habe Einvernehmen darüber bestanden, daß
eine außergewöhnliche Härte nicht vorliege.
Fena Özmen wird in der Türkei derzeit von
einer Menschenrechtsorganisation betreut.
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Frühere Meldungen zum gleichen Thema:
Dem türkischen Regime zu Diensten (15.9.97)
Demokratie und totalitäre Staatsgewalt (1.9.97)
Laudatio von Günter Grass
Auszüge aus der Rede zu Ehren des Friedenspreisträgers Yasar Kemal am 19. Oktober 1997 in der Frankfurter Paulskirche
... Sonst vielgereist, bin ich nie in Anatolien gewesen, und dennoch habe ich mir als Leser von Buch zu Buch Ihr Land angeeignet. Was fremd war, ist mit allen Gerüchen vertraut und bis in die Nöte der landlosen Bauern einsichtig geworden. Wörter können das. Die Literatur hebt Entfernungen auf. Literarische Landnahme bringt uns Menschen nah, die nur auf Papier stehen. Sie macht unwegsame Einöden und schroff ragende Adlerfelsen begehbar. Sie ruft uns, angesichts der Not unterdrückter Bauern, die einst das eigene Land knechtende Leibeigenschaft in Erinnerung. Sie hebt auf Landkarten gezogene, aber auch unser Bewußtsein schneidende Grenzen auf. Die Literatur schlägt die Brücke zum anderen, zum fremdgegangenen Ich. Sie verkuppelt uns. Sie macht uns zu Mittätern. Die Literatur zieht uns in Mitleidenschaft.
Auf diese Weise, also nicht direkt, eher um drei Ecken, sind wir, lieber Yasar Kemal, miteinander verwandt. Nicht nur weil Sie als Kurde leidgeprüft der Türkei angehören, wie ich, mütterlicherseits Kaschube, dennoch mit beschwertem Gedächtnis Deutschland verschrieben bin, sondern wohl auch mit in in in unserer Neigung, der jeweils erlittenen Verluste mit Wörtern habhaft zu werden. Diese Obsession treibt uns an, der Zeit gegenläufig zu schreiben und jene Geschichten zu erzählen, die nicht als Staatsakten geadelt worden sind, weil sie von Menschen handeln, die nie erhöht saßen und herrschten, denen aber allzeit Herrschaft widerfuhr.
Hinzu kommt, daß unsere Länder zwar, geografisch gesehen, weit voneinander entfernt liegen, sich aber dennoch nähergerückt befinden, weil von bleibender Schuld belastet und weil sich in ihren Gesellschaften weiterhin die Mehrheit hartgesotten im Umgang mit Minderheiten beträgt. Als dieses nun bald zur Neige gehende Jahrhundert noch jung war, wurden in der Türkei Hunderttausende Armenier dem systematischen Völkermord ausgeliefert; die deutschen Verbrechen, verübt in unermeßlicher Zahl an Juden und Zigeunern, sind, gleich einem Menetekel, mit dem Ort Auschwitz bezeichnet. Unfähig, mit uns selbst einig zu werden, gingen von unseren Ländern Kriege aus, die unsere Nachbarn in anhaltenden Schrecken versetzen. Wir Deutschen wurden wiederholt geschlagen, schließlich geteilt, worauf wir uns 40 Jahre lang bewaffnet und wie unbelehrbar gegenüberstanden; in der Türkei ist das Volk bis in diese Tage hinein staatlicher Willkür und militärischen Aktionen ausgesetzt, deren Opfer zumeist Frauen und Kinder sind. Rassenwahn und von Überheblichkeit verdeckter Mangel an Toleranz, Kriege und Kriegsfolgen markieren die Geschichte unserer Länder.
Vor diesem Hintergrund, den keine Feierlichkeit zu schönen vermag, wird heute Yasar Kemal der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen. In der Begründung für die Preisvergabe wird außer dem literarischen Werk der Autor als "Anwalt der Menschenrechte" gewürdigt. Doch diese Verdienste stehen nicht unvermittelt nebeneinander. Vielmehr ergibt sich das eine aus dem anderen. Nur wer als Leser in das erzählerische Werk Kemals abgetaucht ist, kann begreifen, wie verwurzelt dessen politischer Einspruch in den Nöten, Träumen und Hoffnungen des einfachen Volkes ist. Schon in seiner ersten Erzählung, "Anatolischer Reis", wagt sich der Autor in politisch begrenztes Gelände: Thema ist die Abhängigkeit der Bauern vom Großgrundbesitzer, der rücksichtslos alles Land und auch die Dörfer unter Wasser setzt, um mit ungehemmtem Reisanbau Gewinn zu machen. Wir kennen diese sich unablässig wiederholende Geschichte. Sie lebt in vielen Literaturen auf. Und jedesmal steht Ohnmacht der Herrschaft gegenüber. Und jedesmal bangen die Leser um den Ausgang des ungleichen Kampfes, obgleich sie das bedrückende Ende ahnen.
In dieser kurz und bündig gefaßten Erzählung sind es eine Kleinbäuerin und ein junger Kurde, die die Bewohner des überschwemmten Dorfes bei einem Protestmarsch anführen und die einem jungen Staatsbeamten, der naiv und unerfahren ein schwieriges Amt übernommen hat, die Augen öffnen, auf daß ihm das Elend in den Dörfern und das Gespinst lang eingeübter Korruption deutlich werden. Jede erzählte Episode - der Auszug der lehmverkrusteten Kleinbauern -, jede wie nebenbei notierte Einzelheit - die Amtsstube des jungen Beamten - ist von Erfahrung und Anschauung gesättigt, denn die gepeinigte Region ist jene heißfeuchte Çukorova, die dem Autor seit seiner Kindheit anhängt, die ihn geprägt und empfindlich für Recht und Unrecht gemacht hat, der er, anfangs als Straßenschreiber, dann als Journalist und bald mit dieser ersten Erzählung Stimme gegeben hat.
Yasar Kemal gehört zu jenen Schriftstelleren, denen der durch Geburt zugefallene Flecken Erde Welt genug ist. Wie bei Faulkner, Aitmatow oder auch Joyce kreist alles Geschehen um den Ort früher Verletzung. Landschaften werden beschworen - es können auch Stadtlandschaften sein - und in ihnen Menschen, die, so verloren sie am Rande liegen und existieren mögen, jeweils den Mittelpunkt der Welt fixieren und bewohnen.
Auch mir ist diese Besessenheit vertraut. Dieses Nichtloskommen von längst verlorenen Provinzen. Denn jede Satzperiode, die ich zu Papier brachte, wurzelte - sie mochte am Ende sonstwo hinführen - zwischen der Weichselniederung und den Hügeln der Kaschubei, in der Stadt Danzig und deren Vorort Langfuhr, an den Stränden der Ostsee. Dort liegen meine amerikanischen Südstaaten, dort habe ich mein Dublin verloren und weitet sich meine kirgisische Steppe, und dort liegt meine Çukurova. ...
... Mehr noch als in dem frühen Roman "Memed mein Falke" begegnen uns diese ... Helden in einem 1978 erschienenen epischen Werk, das übersetzt unter dem Titel "Zorn des Meeres" vorliegt und nicht mehr in der anatolischen Çukurova und im Taurusgebirge seine Schauplätze sucht, sondern ins Chaos der Großstadt, nach Istanbul führt. ...
... Die Großstadt am Bosporus ist der Schauplatz dieses Verwirrspiels und das davor gelagerte Meer. Das Zentrum und die Vororte, Fischer- und Schmugglerquartiere, Friedhöfe, Moscheen, Hafenanlagen und Märkte gehen ineinander über. ...
... Und allgegenwärtig ist die Polizei. Sei es unsichtbar als Masse mit Trillerpfeifen bestückt, sei es in Gestalt dreier Polizisten, die am Tatort, im Kaffeehaus, auf die Rückkehr des Mörders warten.
Deutlich wie an keiner anderen Stelle des Romans bildet Yasar Kemal sie als Vertreter der Gegenmacht ab: "... sie warteten auf Zeynel, obwohl sie fest damit rechneten, daß er nicht zurückkommen würde. Alle drei waren vom Lande. Alle drei reinen Bluts und edler Rasse, hatte man ihnen weisgemacht und sie eben wegen dieser Eigenschaften in die Polizei übernommen. Und nachdem sie schließlich selbst an ihre ganz besondere Eigenheit glaubten, erklärten sie jeden, der nicht so geartet war wie sie, ob Tscherkesse, Kurde, Lase, gar Jude, Grieche oder Armenier, zum Feind. Und so wetzten sie für Zeynel auch schon das Messer, denn Zeynel war Lase ... Bekämen sie ihn nur erst in die Finger, würden sie diesem Lasen schon die Haut abziehen und das Maul mit Blei vollpumpen! Sie sprachen auch nicht mit den Fischern in der Gaststube, betrachteten sie von oben herab, hockten in einer Ecke und tuschelten, wie sie eines Tages die Sozialisten abschlachten und das edle Blut der Türkei reinigen würden. Sie seien schließlich sehr stark. Allein bei der Polizei gebe es 20 000 reinblütige, edelrassige Feinde der Kurden, Lasen, Tscherkessen, Nomaden und Juden. 20 000 jagende Adler. Die minderwertigen Nomaden, Kurden, Tscherkessen, Juden und Einwanderer aus Griechenland seien der Ruin dieses Landes. Der Führer brauche nur den Befehl zu geben ... Sie hätten säuberlich Buch geführt, die Führer: Die Grauen Wölfe würden drei Millionen töten, fünf Millionen verbannen und als Mittelasien die echten Türken, besonders die reinblütigen Kirgisen, unsere Väter, ins Land holen, und die Türkei wäre mit einem Schlag gerettet."
Mit diesem Zitat kommt der Rassenwahn, der am polizeilichen Stammtisch verkündete Völkermord zu Wort. Wie sonst nirgendwo im Roman "Zorn des Meeres", räumt Yasar Kemal hier, im Kaffeehaus, dem großsprecherischen Haß Redefreiheit ein. Zwar ist von reinrassigen Türken und minderwertigen Kurden, Lasen, Juden, Tscherkessen die Rede, doch kommt es dem Leser vor, als spräche sich ein international besetzter, also auch deutschsprachiger Stammtisch so hemmungslos aus. Nicht nur Polizisten reden derart faschistisch freiweg; war es nicht ein deutscher Politiker von Rang, der vor einiger Zeit vor der "Durchrassung des deutschen Volkes" gewarnt hat? Spricht nicht der in Deutschland latente Fremdenhaß, bürokratisch verklausuliert, aus der Abschiebepraxis des gegenwärtigen Innenministers, dessen Härte bei rechtsradikalen Schlägerkolonnen ihrEcho findet? Über 4000 Flüchtlinge, aus der Türkei, Algerien, Nigeria, denen nichts Kriminelles nachgewiesen werden kann, sitzen in Abschiebelagern hinter Schloß und Riegel, Schüblinge werden sie auf neudeutsch genannt. - Es ist wohl so, daß wir alle untätige Zeugen einer abermaligen, diesmal demokratisch abgesicherten Barbarei sind. ...
... liegt es an uns, dem Autor zu danken, das heißt, die Zwänge der ab- und ausgrenzenden Politik zu überwinden, ohne herbeigeredete Ängste mit unseren türkischen Nachbarn zu leben, mehr noch, eine Politik zu fordern, die den Millionen Türken und Kurden in unserem Land endlich staatsbürgerliche Rechte gewährt.
Ob jahrzehntelang in Berlin oder neuerdings in Lübeck, wo immer ich lebte und also schrieb, gehörten Türken zum Straßenbild, waren und sind türkische Kinder Mitschüler meiner Kinder und Enkelkinder. Und immer war mir gewiß, daß diese täglichen Berührungen mit einer anderen Lebensart nur fruchtbar sein können, denn keine Kultur kann auf Dauer von eigener Substanz leben. Als im 17. und 18. Jahrhundert in großer Zahl granzösische Flüchtlinge, die von der katholischen Kirche und dem absolut herrschenden Staat verfolgten Hugenotten, nach Deutschland und mit Vorzug in Brandenburg einwanderten, belebten diese Emigranten zusehends die Wirtschaft, den Handel und nicht zuletzt die deutschsprachige Literatur; wie dürftig wäre uns das 19. Jahrhundert überliefert, gäbe es nicht Theodor Fontanes Romane. Ähnliches läßt sich schon heute vom bereichernden Einfluß der über sechs Millionen Ausländer sagen, wenngleich ihnen, im Gegensatz zu den Hugenotten, denen ein Toleranzedikt bürgerliche Rechte zusprach, nach wie vor ausgrenzende, in der Tendenz fremdenfeindliche Politik hinderlich bleibt; der Ruf "Ausländer raus!" steht nicht nur auf Wände geschmiert.
Doch vielleicht kann der vom Börsenverein heute vergebene Friedenspreis einen Anstoß, nein, mehrere Anstöße geben. Das wäre im Sinn des Preisträgers Yasar Kemal, dessen Kritik sich ja nicht nur an den inneren Zuständen seines Landes reibt. In einem vor wenigen Jahren im "Spiegel" veröffentlichten Artikel hat er die Verfolgung der Kurden in seinem Land beklagt und zugleich die westlichen Demokratien an ihre Mitverantwortung erinnert. Er schrieb: "An der Schwelle zum 21. Jahrhundert kann man keinem Volk, keiner ethnischen Volksgruppe die Menschenrechte verwehren. Dazu fehlt jedem Staat die Macht. Schließlich war es die Kraft der Menschen, welche die Amerikaner aus Vietnam, die Sowjets aus Afghanistan verjagte und das Wunder von Südafrika vollbrachte. Die Türkische Republik darf durch die Fortsetzung dieses Kriegs nicht als fluchbeladenes Land ins 21. Jahrhundert eintreten. Das Gewissen der Menschheit wird den Völkern der Türkei helfen, diesen unmenschlichen Krieg zu beenden. Besonders die Völker der Länder, die dem türkischen Staat Waffen verkaufen, müssen dazu beitragen ..."
Dieser Appell, meine Damen und Herren, ist auch und aus besonderem Grund an die deutsche Adresse gerichtet. Wer immer hier, versammelt in der Paulskirche, die Interessen der Regierung Kohl/Kinkel vertritt, weiß, daß die Bundesrepublik Deutschland seit Jahren Waffenlieferungen an die gegen ihr eigenes Volk einen Vernichtungskrieg führende Türkische Republik duldet. Nach 1990, als uns die Gunst der Stunde die Möglichkeiten einer deutschen Einigung eröffnete, sind sogar Panzer und gepanzerte Fahrzeuge aus den Beständen der ehemaligen Volksarmee der DDR in dieses kriegführende Land geliefert worden. Wir wurden und sind Mittäter. Wir duldeten ein so schnelles wie schmutziges Geschäft. Ich schäme mich meines zum bloßen Wirtschaftsstandort verkommenen Landes, dessen Regierung todbringenden Handel zuläßt und zudem den verfolgten Kurden das Recht auf Asyl verweigert.
Ein Friedenspreis wird vergeben. Wenn diese einen Schriftsteller von Rang ehrende Auszeichnung einen solchen Namen zu Recht trägt, wenn der Ort dieser Feier, die Paulskirche, nicht bloß Kulisse sein soll, wenn Literatur, wie die von mir gepriesene, noch einen Anstoß geben kann, dann sind alle hier heute versammelten Autoren, Verleger, Buchhändler, ein jeder, der sich politischer Verantwortung bewußt ist, ermahnt und aufgerufen, Yasar Kemals Appell zu folgen, ihn weiterzutragen und mit ihm dafür zu sorgen, daß in seinem Land endlich die Menschenrechte geachtet werden, keine Waffengewalt mehr wütet, sondern bis in die letzten Dörfer Frieden einkehrt.
Der vollständige Wortlaut aller Reden anläßlich der Verleihung des Friedenspreises am 19. Oktober 1997 ist enthalten im "Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel" Nr. 84/97 vom 21.10.97, für 9,80 DM erhältlich beim Börsenblatt, Großer Hirschgraben 17-21, D-60311 Frankfurt/Main, T 069-1306-243, Fax -255.
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