Alles Banane
oder lauter krumme Dinger?
Vor 104 Jahren löschte der erste Bananendampfer in einem
deutschen Hafen seine Ladung. Seither hat die gelbe Frucht einen
fast unvergleichlichen Siegeszug auf den Speiseplan der Deutschen
angetreten: In jedem Haushalt werden durchschnittlich 102 Bananen
pro Jahr verspeist. Die Bundesbürger versorgen sich damit gleichzeitig
mit wertvollen Vitaminen und Mineralstoffen (siehe Kasten). Doch
wie ist es um das Wohl derer bestellt, die für uns die beliebte
Frucht auf den Plantagen anbauen?
Auf einem Quadratkilometer Plantage gehen im konventionellen Anbaujährlich
bis zu 195 Kilogramm Pflanzenschutzmittel nieder - nicht nur eine
enorme Belastung für die Umwelt. Die BananenpflückerInnen
sind die Leidtragenden: Hautentzündungen, Allergien, Augen-
und Nierenleiden. Nach Angaben einer Selbsthilfeorganisation wurden
allein in Costa Rica 8.000 Plantagenarbeiterinnen und -arbeiter
infolge des Gifteinsatzes unfruchtbar.
Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen sind häufig miserabel:
Trotz des hohen Chemikalieneinsatzes bekommen die "Bananeros"
selten Schutzkleidung gestellt. Die Bezahlung der Pflücker
mit indianischer Abstammung liegt häufig unterhalb des Mindestlohns.
Viele erhalten nur einen Kurzzeitvertrag und dürfen sich daher
nicht in Gewerkschaften organisieren. Ein 13-Stunden-Tag ist keine
Ausnahme.
Eine Bananenstaude wächst in nur neun Monaten zu ihrer vollen
Höhe von rund sechs Metern heran. Schon nach einem Jahr kann
geerntet werden. Danach wird die Staude umgehackt. Das schnelle
Wachstum und der Anbau in Monokulturen laugen die Böden aus.
Die Folge:
Für die Erschließung neuer Plantagen wird hektarweise
tropischer Regenwald zerstört.
Ein schlechter Tausch:
Urwald gegen Plantagen
Vor dem sozialen Leid und dem ökologischen Desaster verschließen
jedoch viele Regierungen in den Produktionsländern Lateinamerikas
die Augen. Die Bananenstauden und ihre Früchte sind ein entscheidender
Wirtschaftsfaktor. Für Panama und Honduras beispielsweise ist
die Banane das Exportgut Nummer eins. In Costa Rica und Ecuador stammt
jeder vierte bis sechste Dollar der Außenhandelsgewinne aus
dem Geschäft mit der gelben Frucht ("Dollarbananen").
Die Länder zahlen dafür einen hohen Preis: Sie sind abhängig
vom Ernteerfolg, vom Weltmarktpreis, von US-amerikanischen Bananenkonzernen
wie Chiquita und nicht zuletzt von den Einfuhrbestimmungen und dem
Bananenhunger der Industriestaaten. Der scheint in der Bundesrepublik
kaum zu stillen zu sein.
Adenauer bescherte den Deutschen Billig-Bananen
Konrad Adenauer hatte 1957 bei der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) Zollfreiheit für deutsche Bananenimporte erstritten und damit für niedrige Verkaufspreise gesorgt. Das galt, bis die EU vor drei Jahren eine Gemeinsame Marktordnung (GMO) beschloß und so die unterschiedlichen Einfuhrbestimmungen ihrer Mitgliedsstaaten vereinheitlichte.Für die "Dollarbananen" aus Lateinamerika wurde EU-weit ein Zoll von 20 Prozent für eine Einfuhrmenge bis maximal 2,53 Millionen Tonnen (Stand 1995) festgelegt. Bananen aus Regionen, die zur EU gehören, wie zum Beispiel die Kanaren, und aus den sogenannten AKP-Staaten (ehemalige europäische Kolonien aus dem afrikanischen, karibischen und pazifischen Raum, die durch das Lomé-Abkommen mit der EWG assoziiert sind) bleiben bis zu einer festgesetzten Höchstmenge zollfrei.
Die EU- und AKP-Bananen sollten durch die neue, rechtlich umstrittene Regelung gegen die übermächtige Konkurrenz aus Mittel- und Südamerika geschützt werden, die bereits mit Dumpingpreisen zu einem scharfen Verdrängungswettbewerb angesetzt hatte. Nach einem komplizierten Schlüssel, der sich an der durchschnittlichen Importmenge der Vorjahre orientierte, verteilte die EU die Einfuhrkontingente für Dollar-, EU- und AKP-Bananen unter den verschiedenen Vermarktern. Der Handel mit Einfuhrgenehmigungen florierte: Wer nicht genügend eigene Lizenzen erhalten hatte, mußte diese kaufen oder leasen, um seine Aufträge erfüllen zu können.
EU-Regelung gefährdete
Öko-Projekte
Davon blieben auch Händler aus der Naturkostszene nicht verschont.
Die Hamburger Firma Schwarzbrot beispielsweise hatte 1994 ihr Einfuhrkontingent
bereits zum Ende des dritten Quartals erschöpft. Die von der
EU zugeteilte Quote reichte nicht aus, da nach den mühsamen Umstellungsjahren
auf den Öko-Anbau die Plantagen nun erstmals wieder kontinuierliche
Erträge erzielen konnten. Versuche, die Bio-Bananen von den Zollbestimmungen
und der Kontingentierung befreien zu lassen, scheiterten. Gleichzeitig
war jedoch mit den Lieferanten in der Dominikanischen Republik ein
Abnahmeplan bereits beschlossen.
Bio-Bananen: ökologisch und sozial verträglich
Eine Verringerung der vereinbarten Menge wäre für das dortige ökologisch-soziale Anbauprojekt wirtschaftlich kaum zu verkraften gewesen. "Uns blieb letzten Endes nichts anderes übrig, als Lizenzen aufzukaufen", berichtet Franziska Burmeister von Schwarzbrot. Dafür mußte die Firma nicht wenig hinblättern: Rund 210.000 Dollar kosteten die zusätzlichen Einfuhrgenehmigungen.Mittlerweile gehören über 300 Kleinbauern der Kooperative im Azua-Tal an. Nachdem sich vor rund acht Jahren die großen Fruchthandelshäuser zurückgezogen hatten, erhielten die arbeitslos gewordenen Plantagenarbeiter von der Regierung des karibischen Staates Landparzellen. Auf 150 Hektar Land werden seither Bananen ökologisch angebaut. Das heißt Verzicht auf künstliche Dünge-, Schimmelpilz- und Insektenvernichtungsmittel und extensive Nutzung der Anbaufläche. Da die Plantage genossenschaftlich geführt wird und zudem der Verkaufspreis über dem der "Supermarktbanane" liegt, kommt ein Teil der erzielten Erlöse bei den Erzeugern selbst an.
Doch die Bio-Banane kann nicht alle Umweltprobleme umgehen: Da die Pflanzen sehr viel Wasser benötigen, muß auch auf den Öko-Plantagen teilweise künstlich bewässert werden. Und selbst wenn die Banane bei uns nicht mehr als "exotische" Frucht gilt (siehe Schwerpunkt-Thema ab Seite 8), das Problem des weiten Transportweges und damit der Umweltbelastung bleibt - egal, ob konventionell oder kontrolliert-biologisch gewachsen. Christiane Schmitt
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