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Schrot&Korn 6/95

Joghurt

Reife Leistung von Bakterien

Das Milcherzeugnis aus dem Balkan schmeckt zu fast jeder Mahlzeit: im Frühstücksmüsli, als erfrischendes Mixgetränk, in der fein-säuerlichen Kräutersoße und den verschiedensten Salaten oder eher süß als fruchtige Joghurtcreme oder in üppigen Torten mit lockerer Joghurt-Obst-Füllung.
Zwölf Kilogramm Joghurt kommen bei den Bundesbürgern jedes Jahr durchschnittlich auf den Teller. Vor dem Genuss steht der Einkauf. Ökologische, gesundheitliche und geschmackliche Gesichtspunkte sind für die Auswahl entscheidend.


Mikroorganismen machen seit Jahrtausenden die verschiedensten Lebensmittel für den Menschen schmackhafter, haltbarer und variationsreicher. So auch die Milchsäurebakterien, die Milch in Joghurt verwandeln. Die Bakterien machen sich über den Milchzucker her und vergären ihn zu Milchsäure. Dabei gewinnen sie Energie und können sich vermehren. Milchsäure ergibt ein saures Milieu, in dem das Haupteiweiß der Milch, das Casein, ausfällt und das Produkt fest wird. Im fertigen Joghurt sorgen etwa 0,7 bis 1,1 Prozent Milchsäure für den frisch-säuerlichen Geschmack. Daneben sind bestimmte Aromakomponenten aus dem Stoffwechsel der Bakterien für den typischen Joghurt-Geschmack verantwortlich.

Den Molkereien wird eine Vielzahl von Joghurtkulturen mit speziellen Eigenschaften angeboten. Die Reifungskulturen enthalten Milchsäurebakterienstämme verschiedener Bakterienarten. In Produkten, die sich 'Joghurt' nennen, muß die Reifungskultur überwiegend aus den wärmeliebenden Arten Streptococcus thermophilus und Lactobacillus bulgaricus bestehen. Die Bulgaricus-Kultur liefert dabei einen eher frisch-sauren Geschmack. Die meisten Molkereien verwenden statt L. bulgaricus ganz oder teilweise andere Lactobacillen (L. acidophilus, L. bifidus), so daß das Produkt mild-säuerlich schmeckt (Joghurt mild). Die Auswahl der Reifungskultur, die Reifungsbedingungen und die Vorbehandlung (Erhitzung) der Milch beeinflussen die Konsistenz: neben stichfesten und cremigen Produkten gibt es auch flüssigen Trinkjoghurt.

Das Milchsäure-Molekül ist asymmetrisch aufgebaut. Es gibt zwei Formen von Milchsäure mit unterschiedlichen physikalischen Eigenschaften: L(+)- (rechtsdrehende) und D(-)- (linksdrehende) Milchsäure. Joghurt enthält meist beide Formen in unterschiedlichen Anteilen. Welche Milchsäure vermehrt gebildet wird, hängt von der Zusammensetzung der Joghurtkultur ab und variiert mit den Kulturbedingungen. Die meisten Anbieter verwenden heute Kulturen, die hauptsächlich L-Milchsäure liefern. Der hohe L-Milchsäuregehalt ist gesundheitlich von Vorteil: Im menschlichen Organismus kommt ausschließlich L-Milchsäure vor.

Joghurt wird aus pasteurisierter Milch (oder Sahne) hergestellt - üblicherweise mit standardisiertem Fettgehalt und homogenisisert. Vor der Säuerung kann die Milch eingedickt werden, indem Wasser entzogen oder Trockenmilchpulver zugegeben wird. Damit wird ein stichfester Joghurt erreicht. Auch der Zusatz von Milcheiweiß hat einen ähnlichen Effekt - ist allerdings nur bei den weniger hochwertigen Joghurterzeugnissen erlaubt. Nun kommen die Joghurtkulturen dazu und fermentieren die Milch für zwei bis vier Stunden bei Temperaturen zwischen 42 und 45 Grad. Dies geschieht entweder im großen Joghurttank - für Trink- oder Fruchtjoghurt - oder auch bereits in den Verkaufsbehältnissen. Danach werden gegebenfalls andere Zutaten untergemischt, abgefüllt und gekühlt. Wird das Produkt nach der Fermentation auf über 50 Grad erhitzt, dann sterben die Bakterien ab und es bleibt länger haltbar. Gleichzeitig muß ein Verdickungsmittel zugegeben werden, da sich sonst Flüssigkeit abtrennen würde. Solche Ware wird mit dem Hinweis 'wärmebehandelt' und dem Bindemittel gekennzeichnet.

Wer konsequent Bio-Qualität anbieten will, setzt nicht nur Milch aus ökolgischer Landwirtschaft ein, sondern verzichtet auch auf überflüssige Verfahren, Zusätze sowie Zutaten. So kommen Naturkost-Molkereien ohne die Homogenisierung der Milch aus. Nachträgliche Wärmebehandlung des fermentierten Produktes führt zu Verlusten wertvoller Inhaltsstoffe und tötet die erwünschten Milchsäurebakterien ab, es paßt nicht zur Öko-Qualität.

Vier von fünf verkauften Joghurts enthalten Joghurt nicht pur, sondern sind Mixturen mit fruchtigen oder anderen geschmackvollen Zutaten. Es gibt 'Fruchtjoghurt' oder 'Joghurt mit Füchten', der mindestens sechs Prozent Frischfrucht enthalten muß, 'Joghurt mit Fruchtzubereitung' kommt mit mindestens 3,5 Prozent davon aus und 'Joghurt mit Fruchtgeschmack' mit noch weniger.
Da die Fruchtzubereitung als zusammengesetzte Zutat üblicherweise mit einem Gewichtsanteil unter 25 Prozent am Fruchtjoghurt beteiligt ist, ist es nicht erforderlich, ihre Zusammensetzung aus Zutaten wie Zucker oder Zusatzstoffen wie Dickungsmitteln, Aromen oder Konservierungsstoffen aufzuführen. Verwirrung und Unklarheiten sind so vorprogrammiert. Viele Firmen aus dem Naturkost-Bereich haben sich daher für eine offene Deklaration entschieden, auch bei den Zutaten für die Fruchtzubereitung. Allerdings gibt es noch einige, die nur das gesetzlich vorgeschriebene Minimum etikettieren.

Konventioneller Fruchtjoghurt wird mit Saccharose (Rübenzucker, isolierter, weißer Zucker) gesüßt, das gibt es auch im Bio-Bereich (Lesen Sie dazu auch unseren Schwerpunkt auf Seite 8). Meistens wird die Saccharose aus biologisch angebauten Zuckerrüben aus Deutschland gewonnen. Ein ökologischer Vorteil, aber ernährungsphysiologisch ebenso ungünstig zu bewerten wie die aus konventionell angebauten Rüben. Wer die isolierten Zucker lieber nicht essen möchte, der findet Alternativen: Honig, Fruchtdicksäfte, Weizensirup, Maissirup, häufig in Mischungen, liefern auch die gewünschte Süße.

Auch isolierte Fructose (Fruchtzucker) süßt die Biojoghurts. Der Name dieses Einfachzuckers bezieht sich auf sein natürliches Vorkommen in Früchten, hergestellt wird Fructose dagegen üblicherweise aus Stärke. Sie ist ebenso wie weißer Rübenzucker ein isoliertes Produkt, hat sogar noch einen umfangreicheren Herstellungsprozeß mit chemischen Umwandlungen hinter sich.
Wieviel an Zucker oder Süßungsmitteln direkt oder via Fruchtzubereitung zugeben wurde, steht nicht auf der Verpackung. Die Firmen geben je nach Sorte sehr unterschiedliche Werte an zwischen etwa drei und neun Prozent Saccharose.

Wenn dem Joghurt Früchte untergemengt werden, dann wird er etwas flüssiger. Um dies zu verhindern, enthalten die Produkte meist Dickungsmittel wie Johannisbrotkernmehl, Pektin, Reismehl, Maisstärke u.ä. Auch in Bioware sind solche Zusätze enthalten - häufig aus ökologisch angebauten Lebensmitteln gewonnen. Bio-Fruchtjoghurt ohne diese Dickungsmittel wird auch angeboten, er ist etwas dünnflüssiger.

Aromastoffe
auch im Naturkost-Laden

Der beliebte Geschmack von Fruchtjoghurt kommt selten allein durch die Früchte zustande. Während Herstellung und Lagerung nimmt das fruchteigene Aroma ab. In fast jeden Fruchtjoghurt werden deshalb Aromastoffe gerührt. Die Bio-Branche beschränkt sich auf natürliche Aromen, die aus Naturprodukten gewonnen werden - etwa durch Extrahieren oder Destillieren. Neben verschiedenen Pflanzenteilen wie Früchten oder Holz werden Aromastoffe auch aus Mikroorganismen gewonnen. Unerläßlich sind die Aromen nach Meinung der meisten Bio-Hersteller, da sie einen Geschmack wie den der konventionellen Fruchtjoghurte anstreben - und der ist auch bei schmackhaftem Bioobst und schonender Behandlung nicht ohne Hilfsmittel zu erreichen. Aus der Sicht der Vollwert-Ernährung gehören Aromastoffe nicht ins Essen.

Verpackung:
Ganz klar Mehrweg

Ökologisch am sinnvollsten sind Mehrwegverpackungen. Für Joghurt hat sich das 500-Gramm-Glas durchgesetzt, daneben gibt es auch 250-Gramm-Gläser und 500-Gramm-Flaschen. Dunkles Glas schützt den Inhalt vor dem Lichteinfluß, der Inhaltsstoffe und Geschmack beeinflussen kann. Einwegverpackungen mit Kunststoff und mit Aluminiumdeckel werden im Naturkosthandel zurückgedrängt.
Petra Isberner



Milchsäurebakterien
aktivieren Darmflora

Joghurt enthält bis auf den Milchzucker etwa die gleichen Inhaltsstoffe wie die verwendete Milch. Hervorzuheben sind wertvolles Eiweiß, reichlich Calcium und die Vitamine B2 und B12. Personen, die Michzucker nicht abbauen können, vertragen fermentierte Milchprodukte häufig besser als Milch. Auch ältere Menschen ziehen oft Joghurt & Co vor. Milchsäurebakterien erreichen teilweise den menschlichen Darm lebend und wirken sich dann günstig auf die Darmflora aus. Sogar die Krebsentstehung und das Wachstum von Tumoren sollen sie hemmen. Wer von diesen positiven Effekten profitieren will, sollte regelmäßig milchsaure Produkte verspeisen - mit lebenden Bakterien, also unerhitzt.


Joghurt selbstgemacht

Zum Selbermachen brauchen Sie nur Milch und als Startkultur Joghurt. Dieser Joghurt sollte keine Zusätze enthalten und darf nicht wärmebehandelt sein, er muß die Mikroorganismen lebend enthalten. Die erforderliche Wärme kann ein elektrischer Joghurtbereiter liefern. Auch der Elektro-Backofen - vorgeheizt auf 50 Grad, dann abgeschaltet und mit eigeschalteter Backofenleuchte - kommt in Frage. Am Ofen oder an der Heizung kann sich ein warmes Plätzchen für den Ansatz finden. Auch in Thermosgefäßen oder der Kochkiste mit Isolierung hält die Milch die gewünschte Temperatur.
  • Milch auf über 90 Grad erhitzen - bis kurz vor den Siedepunkt, und die Milch dann abkühlen lassen auf 45 Grad.
  • Joghurt in die Milch einrühren -etwa vier Eßlöffel pro Liter Milch, und die Mischug in Glasgefäße füllen und verschließen.
  • Den Ansatz bei einer Temperatur zwischen 32 und 45 Grad bebrüten - optimal sind 42 bis 45 Grad.
  • Der Joghurt wird nach zwei bis acht Stunden fest. Solange er warm ist, bleibt er immer etwas flüssiger, im Kühlschrank wird er fester. Im Kühlschrank hält sich der Joghurt bis etwa zwei Wochen. Für den nächsten Ansatz etwas Joghurt aufheben.


Nicht nur aus Milch,
auch aus Sojabohnen

Ursprünglich wurde Schaf-, Büffel- oder Ziegenmilch mit Joghurtkulturen in eine feste Form verwandelt - hierzulande überwiegt Kuhmilch nun bei weitem. Sogar aus Sojamilch können Milchsäurebakterien ein joghurtähnliches Lebensmittel erzeugen - eine gute Altenative für Menschen mit Kuhmilchunverträglichkeiten oder -Allergien und für solche, die ganz vegan essen wollen.
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