Aktuelle Meldungen vom 02.12.2002
Kompromiss bei Gen-Kennzeichnung umstritten
Künast zufrieden, BUND kritisiert - BÖLW: Kennzeichnungsvorschriften müssen Klarheit für den Verbraucher schaffen
Die Agrarminister haben in Brüssel beschlossen, für die Kennzeichnung von genetisch veränderten Organismen (GVO) in Lebensmittel einen Grenzwert von 0,9 % anzusetzen. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), der BUND und Mnisterin Künast haben ganz unterschiedliche Meinungen dazu:
Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) erklärte:
"Auch in Zukunft wir der Ökologische Landbau ohne den Einsatz
von Gentechnik produzieren. Das ergibt sich aus seinem Selbstverständnis
her ebenso wie aus den gesetzlichen Vorschriften und den Richtlinien
seiner Verbände.
Noch gibt es in Europa keinen kommerziellen Anbau von gentechnisch veränderten
Pflanzen. Wenn das Moratorium, das diesen Anbau bis jetzt verhindert,
jedoch fallen sollte, liegt es nur noch die Entscheidung des Verbrauchers,
ob auch in den hier erzeugten Nahrungsmitteln und Futter-mitteln GVO
zu finden sein werden. Denn von der Landwirtschaft wird nur das erzeugt
werden, was gekauft wird.
Wenn flächenhaft GVO-Pflanzen angebaut würden, dann wären auch diejenigen nicht mehr vor Verunreinigungen sicher, die - wie die ökologisch wirtschaftenden Bauern und die weit überwiegende Mehrzahl ihrer konventionellen Berufskollegen - bewusst auf den Einsatz von GVO verzichten wollen. Durch Pollen- und Samenflug auf dem Acker, durch Verunreinigungen bei Transport, Lagerung und Verarbeitung wird es dann zu Kontaminationen kommen.
Die Verbraucherinnen und Verbraucher können ihre Verantwortung aber nur wahrnehmen, wenn an der Kennzeichnung erkennbar bleibt, welche Produkte ohne den Einsatz von GVO hergestellt worden sind, erläuterte der Vorsitzende des BÖLW, Dr. Felix Prinz zu Löwenstein. Das bringt uns in eine absurde Situation: um weiterhin eine Chance für unsere gentechnikfreie Produktion zu haben, müssen wir - wenn auch zähneknirschend Kennzeichnungsgrenzwerte akzeptieren, wie die in Brüssel beschlossenen. Wie hoch diese sein müssen, wird sich letztlich erst in der Praxis zeigen. Nach den bislang in USA und Kanada gemachten Erfahrungen müsste bei größter Sorgfalt in den verschiedenen Produktionsstufen ein Grenzwert von 0,9%, möglichst sogar darunter, einzuhalten sein.
Der BÖLW fordert jedoch, dass auch dort die Verwendung von GVO gekennzeichnet werden muss, wo diese im Produktionsprozess verwendet wurden. So müsste z.B. auch Fleisch aus mit GVO gefütterten Tieren das Label: hergestellt mit GVO tragen. Außerdem muss sichergestellt werden, dass die Verursacher - also die GVO-Produzenten - in Haftung genommen werden, wenn durch Verunreinigungen Grenzwerte überschritten werden.
Ganz andere Maßstäbe müssen jedoch für Saatgut gelten. Thomas Dosch, Pressesprecher im BÖLW-Vorstand, machte deutlich: Saatgut steht am Beginn der Produktionskette. Es muss deshalb kompromisslos vor Verunreinigungen geschützt werden, denn sonst ist beim fertigen Produkt ein niedriger Grenzwert nicht einhaltbar. Wir fordern deshalb die Europäische Kommission auf, für Saatgut einen Grenzwert von 0,1%s zu setzen und somit bis an die Nachweisgrenze zu gehen!"
BUND spricht vom "faulem Gen-Kompromiss", der die Agrarwende in Frage stellt
Für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
sind die Festlegungen der EU-Agrarminister, erst oberhalb einer 0,9-Prozent-Grenze
genetisch veränderte Nahrungs- und Futtermittel zu kennzeichnen,
ein herber Rückschlag in der Verbraucherschutzpolitik. Damit werde
dem Einsatz der Gentechnik in Lebensmitteln und Landwirtschaft Tür
und Tor geöffnet. Hersteller und Nutzer der Grünen Gentechnik
seien künftig nicht mehr verpflichtet, gentechnisch veränderte
Organismen aus der Nahrungskette herauszuhalten.
Dr. Angelika Zahrnt, BUND-Bundesvorsitzende: "Das Recht der Verbraucher
auf gentech-freie Lebensmittel wurde leider geopfert. Darüber kann
auch eine lasche Kennzeichnung nicht hinwegtäuschen. Die Gentechnikindustrie
wird nun konventionelle und ökologisch hergestellte Produkte mit
genveränderten Organismen verunreinigen. Diese durchgehende Kontamination
bedroht die Wahlfreiheit der Konsumenten beim Einkauf. Sie werden in
Zukunft nur noch zwischen mehr oder weniger gentechnisch verunreinigten
Lebensmitteln wählen können. Und das ist dann keine wirkliche
Wahl mehr."
Vier von fünf Konsumenten in Deutschland lehnten bisher die Anwendung
der Gentechnik bei der Nahrungsmittelproduktion grundsätzlich ab.
Der Auftrag an die Politik, eine gentechnikfreie Landwirtschaft und
null Prozent Gentechnik in Lebensmitteln zu garantieren, sei nicht erfüllt
worden.
Die nach BSE und MKS eingeleitete Agrarwende sieht der BUND nun akut
gefährdet. Durch Pollenflug und Futtermittel könne bald die
gesamte Landwirtschaft gentechnisch kontaminiert sein. Davor sei auch
der ökologische Landbau nicht zu schützen. Ein schweres Versäumnis
der Agrarminister sei es zudem, Produkte von Tieren, die mit gentechnisch
veränderten Futtermitteln gefüttert worden sind, nicht zu
kennzeichnen. Damit werde der Grundsatz der umfassenden Verbraucherinformation
verletzt. Der BUND fordert die EU-Parlamentarier auf, einer Kennzeichnung
erst oberhalb der 0,9-Prozent-Grenze nicht zuzustimmen.
Künast begrüßt Kompromiss zu Kennzeichnung von Gen-Lebensmitteln
Bundesverbraucherministerin Renate Künast (Grüne) hingegen hat den Kompromiss der EU-Staaten zur Kennzeichnung von Gen-Lebensmitteln als "Meilenstein für Verbraucher und Landwirte" begrüßt. Die Bürger könnten sich nun beim Einkauf für oder gegen Produkte mit gentechnisch veränderten Inhaltsstoffen entscheiden, erklärte Künast am Freitag in Berlin. Auch die Bauern hätten bei Futtermitteln die Wahl. Nach der Einigung vom Donnerstagabend müssen gentechnisch veränderte Bestandteile in Nahrungs- und Futtermitteln ab einem Schwellenwert von 0,9 Prozent gekennzeichnet werden.
- Wohin mit dem Grenzwert?
- Greenpeace: Österreich Vorbild für Saatgut-Regelung in EU
- Petition für die Reinhaltung des Saatgutes von gentechnisch veränderten Organismen
- Mehr als 30.000 Bürger fordern "sauberes" Saatgut
- "EU muss Grenzwert bei Gen-Saatgut festlegen"
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