Aktuelle Meldungen vom 23.01.2003
Bei Mittelohrentzündung viel zu oft Antibiotika
Experten raten zur Zurückhaltung
Kindern mit einer akuten Mittelohrentzündung verschreiben die Ärzte in Deutschland zu häufig und übereilt Antibiotika. Zu diesem Schluss kommen Experten der Universität Witten-Herdecke, die neue Therapie-Leitlinien für Eltern und Ärzte ausgearbeitet haben.
Danach werden hierzulande nahezu alle Kinder mit Mittelohrentzündung
antibiotisch behandelt - dreimal so viele wie beispielsweise in den
Niederlanden. Dabei können die bakterienhemmenden Medikamente aktuellen
medizinischen Studien zufolge weder die Komplikationsrate auffallend
senken, noch die Dauer der schmerzhaften Ohrerkrankung wesentlich verkürzen.
Zumal rund 40 Prozent der Infektionen durch Viren verursacht werden,
gegen die die antibakteriellen Arzneimittel nicht wirken.
"In der Medizin wird leider zu häufig mit Kanonen auf Spatzen
geschossen", sagt Dr. med. Christiane Bauch von der Techniker Krankenkasse
(TK). "Die neuen Leitlinien machen deutlich, dass Schmerzen und
Fieber gerade bei unkomplizierten Mittelohrentzündungen auch mit
anderen Mitteln behandelt werden können." Dafür kommen
neben Schmerz- und Fieberzäpfchen auch alte Hausmittel wie Zwiebelsäckchen
und Wadenwickel in Frage.
Fast jedes zweite Kind in Deutschland erkrankt im ersten Lebensjahrzehnt
an einer akuten Mittelohrentzündung - oft mehrfach. Die Ohrinfektion
ist sogar der häufigste Grund, warum Eltern mit ihren Sprösslingen
einen Kinderarzt aufsuchen. Meist verschreiben die Ärzte sofort
ein Antibiotikum, ohne den weiteren Krankheitsverlauf abzuwarten. "Viele
Eltern nehmen die Nebenwirkungen der Antibiotika wie etwa Durchfall
und Hautausschläge in Kauf, weil sie hoffen, den starken Ohrenschmerzen
ihrer Kinder schneller ein Ende zu bereiten", sagt TK-Medizinerin
Bauch. "Doch das ist offensichtlich ein Trugschluss". Denn
die Antibiotika könnten die Ohrentzündung im Höchstfall
um einen Tag verkürzen, wie die Experten aus Witten-Herdecke berichten.
Auch sei die Gefahr groß, durch überflüssige Antibiotika-Einnahme
resistente Keime zu züchten.
Die Leitlinien mahnen nun zum kritischeren Umgang mit dem Antibiotikum
bei akuten Mittelohrentzündungen. Zusätzlich informieren sie
Eltern über Risikofaktoren, wie den Gebrauch von Schnullern, über
den richtigen Einsatz von Schmerzmitteln oder Nasentropfen und geben
Hinweise, bei welchen Symptomen man sofort einen Arzt kontaktieren sollte.
Die Leitlinien zur Mittelohrentzündung finden interessierte Eltern
unter www.Patientenleitlinien.de
und Ärzte unter www.evidence.de
im Internet.
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