Aktuelle Meldungen vom 15.06.2006
"Agrarsubventionen offenlegen!"
Organisationen fordern Ende des Mauerns
Sechs Milliarden Euro bekommt die deutsche Agrarwirtschaft Jahr für Jahr an Subventionen von der EU. Wer genau für was wie viel von diesem Geldregen aus Brüssel erhält, ist weitgehend unbekannt. 27 Organisationen aus Umwelt- und Tierschutz, Landwirtschaft und Entwicklungspolitik haben in formalen Anfragen die Agrarminister von Bund und Ländern aufgefordert, sich für die Offenlegung der Verwendung von Agrarsubventionen einzusetzen.
Doch die wollen davon offenbar nichts wissen. Jedenfalls
war bislang auf entsprechende Anfragen der Initiative die
Antwort durchweg negativ. "Der Bund verweist auf die
Zuständigkeit der Länder und die Länder reden
sich mit Datenschutz oder zu hohem Aufwand heraus", kritisiert
Tanja Dräger de Teran, Agrarreferentin des WWF Deutschland,
die aus ihrer Sicht fadenscheinige Argumentation.
Jetzt erhält die Initiative Rückenwind aus Brüssel.
Dort legte die EU Kommission das so genannte "Grünbuch
zur Europäischen Transparenzinitiative" vor. "Darin
schlägt die Kommission unter anderem vor, die Mitgliedstaaten
gesetzlich zu verpflichten, die Empfänger von EU-Geldern
offen zu legen", sagt Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf,
Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche
Landwirtschaft. Das häufig ins Feld geführte Argument,
die Aufbereitung der Informationen stelle einen zu hohen Aufwand
dar, sieht die Kommission nicht als gerechtfertigt an. Vielmehr
sei dies notwendig, um die Unterstützung der Öffentlichkeit
langfristig zu sichern. Die Mitgliedstaaten müssen nun
bis zum August 2006 Stellung beziehen, die - ganz nach dem
Motto der Transparenzinitiative - ebenfalls öffentlich
gemacht wird. Die Transparenzinitiative in Deutschland hat
die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen und als einer der ersten
eine Stellungnahme nach Brüssel gesendet.
In elf europäischen Ländern ist längst transparent,
wofür welche Unternehmen und Betriebe wie viel Agrarsubventionen
erhalten. "Meist sind es nicht die kleineren, extensiv
wirtschaftenden und arbeitsintensiveren Betriebe, die unterstützt
werden, sondern Großgrundbesitzer und Nahrungsmittelkonzerne",
so Martin Hofstetter von Greenpeace. In Großbritannien
kassiert beispielsweise die Queen kräftig mit, wenn es
um die Hilfen aus Brüssel geht, und es ist ein offenes
Geheimnis, dass zu den größten Empfängern
in Deutschland auch Nordmilch, Glencore und der Schweizer
Lebensmittelkonzern Nestlé gehören. "Nestlé
hat im Jahr 2001 Exportsubventionen in Höhe von 2,4 Millionen
Euro erhalten. Lebensmittelkonzerne gehören zu den großen
Profiteuren von Agrarsubventionen in Deutschland. Sie erbringen
so gut wie keine gesellschaftlichen Gegenleistungen oder richten
sogar erheblichen Schaden an. Die subventionierten Lebensmittelexporte
gefährden die Existenzgrundlagen von armen und hungernde!
n Menschen in den so genannten Entwicklungsländern",
erklärt Marita Wiggerthale, Handelsreferentin bei der
Entwicklungsorganisation Oxfam.
Die Transparenzinitiative spricht sich nicht generell gegen
eine finanzielle Unterstützung der Landwirtschaft aus.
"Es muss jedoch sichergestellt sein, dass mit dem Geld
keine unsozialen und die Umwelt zerstörenden Maßnahmen
finanziert werden", so Tanja Dräger de Teran vom
WWF. Subventionen dürften nicht mit der Gießkanne
verteilt werden, sondern die Zahlungen müssten an Leistungen
gebunden sein, die der Gesellschaft nutzen. Leider sei oft
das Gegenteil der Fall. Die EU finanziere Umweltzerstörung.
Die Transparenz der Zahlungen sei ein erster Schritt zu einer
nachhaltigeren Agrarpolitik. Vor diesem Hintergrund sei es
umso unverständlicher, dass hier weiter gemauert werde.
Die Initiative hofft jetzt auf die Länder Schleswig-Holstein,
Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Die Antworten der jeweiligen
Agrarminister stehen noch aus. Die Erwartungen, Informationen
über die Empfänger von EU-Geldern zu erlangen, knüpfen
sich an das seit Anfang des Jahres geltende europäische
Informationsfreiheitsgesetz. Darin wird jedem Bürger
grundsätzlich freier Zugang zu allen in den öffentlichen
Verwaltungen existierenden Informationen garantiert. "Ein
abschlägiger Bescheid wäre deshalb umso unverständlicher",
so Sarah Kahnert von Germanwatch. Trotzdem ist sie nur bedingt
optimistisch: "Gut möglich, dass der Zugang zu den
Informationen erst vor Gericht erstritten werden muss."
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