Aktuelle Meldungen vom 16.04.2008
Die Würde der Pflanzen ist unantastbar
Diskussion zum neuen Pflanzenbild bei Planet Diversity
Gentechnische Veränderungen und Patente auf Saatgut - die Industrie greift mit immer weitreichenderen Maßnahmen in die Natur von Pflanzen ein. Als Rechtfertigung dient ihr das Argument, dass Pflanzen nicht mehr als lebende Maschinen sind, die ihr genetisches Programm abspulen. Die Anspruchssrechte von Pflanzen sind Thema des Workshops "Neues Pflanzenbild", den die Schweizer Wissenschaftlerin Florianne Koechlin im Rahmen des Internationalen Kongresses "Planet Diversity" anbietet.
Die Vorstellung lebendiger Maschinen wird von einer wachsenden Zahl von Wissenschaftlern, die sich der Pflanzenneurobiologie verschrieben haben, widerlegt. Inzwischen ist bewiesen: Pflanzen kommunizieren untereinander und mit ihrer Umwelt. Werden Tomaten von Raupen angegriffen, bilden sie nicht nur Abwehrstoffe, sondern warnen mit Duftstoffen auch ihre Nachbarinnen.
Maispflanzen locken durch die Produktion von Geruchsstoffen Schlupfwespen an, um sich gegen bestimmte Raupen zu wehren. Und Pflanzen sind in der Lage, auf Umwelteinflüsse wie Licht, Schwerkraft, Temperatur oder Wassergehalt zu reagieren, Umweltinformationen intern weiterzuleiten, auszuwerten und darauf zu antworten. Die Zellen unterhalten sich ständig, Botschaften wie "Wassermangel" oder "Schädlingsbefall" werden weitergegeben, damit alle Pflanzenteile reagieren können. Dazu nutzen die Pflanzen die gleichen Botenstoffe wie die Tiere.
Aber was bedeuten diese neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse für unseren Umgang mit Pflanzen? In der Schweiz wurde die Eidgenössische Ethikkommission mit dieser Frage beauftragt und kam zu dem Schluss, dass auch die Pflanze eine Würde hat und damit einen Wert an sich, losgelöst von menschlichem Interesse oder einem Zweck. Nach Überzeugung von Florianne Koechlin, Schweizer Wissenschaftlerin und Mitglied des Ethikrats, heißt das zwar nicht, dass wir nicht mehr herzhaft und lustvoll in eine Möhre oder einen Apfel beißen dürfen, denn "vielleicht ist es ja die ethische Aufgabe der Pflanzen, gegessen zu werden." Kritisch hingegen sieht sie es, wenn man mittels der Terminatortechnologie die Fortpflanzungsfähigkeit von Pflanzen zerstört oder Pflanzen wie eine Chemikalie patentieren lässt.
Die Würde der Pflanzen ist auch Thema auf dem Internationalen Kongress "Planet Diversity" in Bonn. Vom 12. - 15. Mai, während die UN-Konvention zur biologischen Vielfalt verhandelt wird, diskutieren bei "Planet Diversity" Bauern, Verbraucher, Lebensmittelhersteller, Gärtner und Saatgutretter, Umweltschützer, Indigene, Wissenschaftler, Gentechnik - und Globalisierungskritiker, Menschenrechts -, Entwicklungs- und Frauenorganisationen und andere soziale Bewegungen, wie die Vielfalt in der Ernährung und in der Landwirtschaft erhalten werden kann. Vielfalt ist das Überlebensprinzip und die Produktivkraft der Natur. Sie ist auch der gemeinsame Wert einer weltweiten Bewegung, die sich gegen industrielle Monokulturen und Monotonie, gegen Hunger, Armut, Ungerechtigkeit, Ignoranz und kulturelle Verarmung zur Wehr setzt. "Planet Diversity" will diese Bewegungen in aller Welt stärken und dabei eine gemeinsame Botschaft an die Vertreter der Regierungen und Institutionen bei der UN-Konvention formulieren: "Die Zukunft unserer Umwelt, Landwirtschaft und Ernährung liegt in ihrer biologischen wie kulturellen Vielfalt. Diese Vielfalt lässt sich nicht technisch konservieren, sondern kann nur von uns allen gemeinsam gelebt, genossen, respektiert und f ortentwickelt werden." Ein Schwerpunkt des Kongresses wird die Verteidigung gegen industrielle Monokulturen und Gentechnik auf dem Acker und im Essen sein, ein anderer der freie Austausch von Saatgut und Wissen ohne Patente, Terminator-Sterilisierung und Biopiraterie. Es geht um die Auswirkungen der internationalen Spekulation mit Agrar-Sprit und anderen "Bio"-Rohstoffen auf Lebensmittelpreise, bäuerliche Landwirtschaft und Natur, um "Gärten der Hoffnung" und um neue Strategien im Umgang mit dem Klimawandel.
Zu den Rednerinnen und Rednern bei "Planet Diversity" gehören unter vielen anderen die alternativen Nobelpreisträger Vandana Shiva, Percy Schmeiser, Helena Norberg - Hodge, Ibrahim Abouleish, Ryoko Shimizu und Tewolde Egziabher. Zum Auftakt des Kongresses findet am 12. Mai eine Demonstration unter dem Motto "F ür biologische Vielfalt - regional, fair und gentechnikfrei!" statt. Im Anschluss wird auf dem Festival der Vielfalt in den Bonner Rheinauen bis in den Abend gefeiert. Weitere Informationen findet man unter www.planet-diversity.org.
Folgende Veranstaltungen sind geplant:
- 12. Mai 2008: Demonstration
Internationale Kundgebung zum Auftakt der Biosicherheits -Verhandlungen der UN Treffpunkt: 10:00 Uhr, Kleine Blumenwiese auf den Bonner Rheinauen - 12. Mai 2008: Festival der Vielfalt
Internationale Pavillons und Geschichten, Musik, Theater, Vorträge, Filme, Aktionen, Kinderprogramm, Tanz und regionale Spezialitäten aus aller Welt von 14:00 bis 22:00 Uhr in den Rheinauen - 13. bis 15. Mai 2008: Internationaler Kongress zur Zukunft
von Lebensmitteln und Landwirtschaft
Plenarsitzungen, Informationsmärkte und über 30 Workshops im Gustav -Stresemann-Institut zu den Themen Ernährungssouveränität und Zugang zu gesundem Essen, zu Saatgut, Wasser und Land; Faire Beziehungen zu Konsumenten; Gentechnikfreie Regionen; Patente auf Lebewesen und ihre Gene; Agrar-Sprit; Indigenes Wissen. Mit Landwirten und Vertretern lokaler Initiativen sowie wegweisenden Denkern und Aktivisten auf dem Gebiet der biologischen und kulturellen Vielfalt. - 16. Mai 2008: Öffentliche Präsentation der Ergebnisse des Kongresses, Exkursionen und Folgetreffen
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