Aktuelle Meldungen vom 16.12.2008
Umweltorganisationen klären über Fisch auf
Greenpeace testet Fischsortiment deutscher Läden
"Rotbarsch mit Korallenpüree, Kahlschlag-Shrimps, Seezunge mit Schollenmüll, "Die letzten ihrer Art" oder Armuts-Paella - so müssten typische Fischgerichte benannt werden, wenn man die ökologischen Kosten der Fischerei schon am Namen erkennen wollte.
Dies geht aus dem jetzt veröffentlichten WWF-Bericht "Fisch in Teufels Küche" hervor. "Viele Fischereien plündern und zerstören die Meere. Unser Bericht zeigt, was auf dem Teller nicht sichtbar ist", so WWF-Expertin Heike Vesper.
16,4 Kilogramm Fisch genießt jeder Deutsche im Jahr. Doch längst nicht jeder Fisch wird umweltverträglich gefangen. Weltweit gelten mehr als drei Viertel der Bestände als bis an ihre Grenzen ausgebeutet oder überfischt. Der WWF fordert die Verbraucher auf, beim Weihnachtseinkauf bevorzugt Fisch mit dem blauen Ökosiegel des "Marine Stewardship Council" (MSC) zu kaufen. Über 300 Produkte mit dem MSC-Siegel sind bereits erhältlich.
Besser keinen Rotbarsch oder tropische Shrimps
Verbraucher sollten laut WWF zum Beispiel auf Rotbarsch verzichten, dessen Bestand stark bedroht ist. Beim Fang dieses Tiefseefisches werden zudem Jahrtausende alte Kaltwasserkorallen zerstört. Tonnenschwere Grundschleppnetze zermalmen den wertvollen Lebensraum zu "Korallenpüree". Der WWF fordert, die Tiefsee-Fischerei komplett einzustellen.
Eine schlechte Öko-Bilanz haben auch tropische Shrimps. Für die Zuchtanlagen von "Kahlschlag-Shrimps" wurden an der südamerikanischen Pazifikküste Hunderte Kilometer Mangrovenwälder abgeholzt. Beim Fang auf Jungtiere, mit denen die Aquakultur bestückt wird, gehen pro Krabbe etwa einhundert weitere Fische in die engmaschigen Netze. Keine andere Fischerei produziert mehr Beifang.
Auch in der Nordsee sind die Nebenwirkungen der Fischerei enorm. "Wer Scholle, Seezunge oder Krabben isst, muss sich klar sein, dass in den Netzen ein Vielfaches an anderen Meerestieren verendet", erläutert WWF-Expertin Vesper. So gehen zum Beispiel pro Kilo Seezunge auf dem Teller bis zu sechs Kilo Babyschollen wie Müll wieder über Bord. Und der arg dezimierte Kabeljaubestand leidet nicht nur unter den seit Jahren zu hohen Fangquoten der EU. Zusätzlich wird fast die Hälfte der Kabeljaumenge, die den Trawlern ins Netz geht, wieder weggeschmissen.
Der Dornhai steht am Rand des Aussterbens. Ein Grund ist der Konsum von Schillerlocken, die aus dem kleinen Hai gewonnen werden. Die Fangmenge in der Nordsee ist aufgrund der massiven Ausbeutung seit Ende 1970er Jahre um 96 Prozent zurückgegangen. Ähnlich dramatische Folgen hat die Plünderung des Europäischen Aals. "Wer heute Aal oder Dornhai kauft, vergreift sich an den letzten ihrer Art", so Vesper.
85 Prozent des in Deutschland verzehrten Fisches wird importiert. Auf einer "Armuts-Paella" finden sich typische Importfische wie Tunfisch, Tintenfisch, Sardine oder Makrele. Sie stammen beispielsweise aus westafrikanischen Gewässern, wo die Fangflotten der Industriestaaten die Meere auf Kosten der einheimischen Bevölkerung ausbeuten. "Unser Hunger nach Fisch nimmt den Armen die wichtigste Nahrungsquelle", kritisiert die WWF-Expertin.
"Wir sind noch weit von einer Lösung der Fischerei- und Umweltkrise in unseren Meeren entfernt", bilanziert Heike Vesper. Als wichtigste Gründe für die Missstände nennt sie fehlende Kontrollen, zu hohe Fangquoten, zerstörerische Fanggeräte und fehlende Schutzgebiete.
Ende dieser Woche entscheiden die EU-Fischereiminister in Brüssel über die Fangquoten in der Nordsee und im Nordostatlantik. Dabei könnte erstmals beschlossen werden, dass Trawler marktfähigen Fisch aus der Nordsee nicht mehr über Bord werfen dürfen, um sie durch profitablere Fänge zu ersetzen. Das wäre laut WWF ein erster Schritt, um die skandalöse Verschwendung in der Nordsee einzudämmen. Ziel müsse aber ein umfassendes Rückwurf-Verbot für alle EU-Gewässer sein, so die Umweltschützer.
Wo darf man noch Fisch kaufen?
Deutsche Supermärkte und Discounter unterscheiden sich deutlich bei der Nachhaltigkeit ihres Fischsortiments. Das ist das Ergebnis des zweiten Greenpeace Supermarkt-Rankings "Fisch". Während der erste Greenpeace-Test vor einem Jahr noch allen elf Handelsketten mit einer orangefarbenen Bewertung gute Ansätze bescheinigte, gehen die Bewertungen in diesem Jahr auseinander. So haben Kaufland und Norma knapp eine "grüne" Bewertung und somit einen guten Standard erreicht. Ihnen folgen Aldi-Süd, Rewe, Lidl und Metro, die im "orangefarbenen Mittelfeld" liegen. Aldi-Nord und Edeka liegen erneut knapp an der Grenze zu "rot". Kaiser's Tengelmann und Netto bilden mit der "roten" Bewertung das Schlusslicht des Rankings.
"Die aktuelle Untersuchung zeigt, dass sich echtes Engagement lohnt", sagt Jürgen Knirsch, Konsumexperte von Greenpeace. "Im Vergleich zu der Untersuchung 2007 haben Aldi Süd, Kaufland und Rewe einen deutlichen positiven Sprung gemacht und ihren Worten Taten folgen lassen. Das kann man von Netto, Metro und Kaiser's Tengelmann, die eine deutliche negative Bilanz haben, nicht behaupten. Bei diesen Unternehmen klafft zwischen Worten und Taten eine große Lücke".
Im Vergleich zu 2007 haben acht von elf untersuchten Unternehmen eine Einkaufspolitik für Fisch erstellt, drei Unternehmen haben diese auch veröffentlicht. Nur noch Edeka führt den stark gefährdeten Dornhai im Sortiment. Vier Unternehmen haben Scholle, drei Unternehmen Kabeljau, zwei weitere Rotbarsch und weitere zwei Aal aus ihrem Angebot genommen. Alle diese Fischprodukte stammen aus nicht-nachhaltiger Fischerei. Einige Handelsketten haben die Kennzeichnung der Produkte deutlich verbessert, so dass der Kunde die Möglichkeit hat, Produkte aus nicht-nachhaltigen Fischereien zu meiden. Außerdem haben sieben Unternehmen mittlerweile das Thema "Fisch und Nachhaltigkeit" auf ihrer Webseite.
Was ist nachhaltige Fischerei?
Als nachhaltige Fischerei gilt für Greenpeace grundsätzlich: Sie hält den Bestand der Zielart auf einem gesunden Niveau, ohne andere Arten des Ökosystems negativ zu beeinflussen. Andere Arten werden weder getötet noch wird ihre Nahrungsquelle oder ihr Lebensraum zerstört.
"Jetzt müssen sich auch die Politiker bewegen", fordert Knirsch mit Blick auf die diese Woche beginnende Tagung der EU-Fischereiminister in Brüssel. "Wer Fischbestände schützen will, muss die Empfehlungen der Wissenschaft umsetzen und darf beispielsweise keine Kabeljauquote für die Nordsee mehr zulassen."
Greenpeace hat im Dezember vergangenen Jahres erstmals ein Ranking der deutschen Supermärkte und Discounter veröffentlicht. Für die Untersuchungen hat Greenpeace die Unternehmen befragt und ist mit diesen im fachlichen Austausch. Zudem wurden öffentliche Quellen genutzt und das Fisch-Sortiment der Märkte stichprobenartig untersucht. Hierfür wurde 2008 das Gesamtsortiment samt Kennzeichnungen in 108 Filialen bundesweit erfasst.
- Fische in Not: Bio ein Rettungsanker (Schrot & Korn 1/2007)
- Fische in Not: Bio-Fischzucht (Schrot & Korn 1/2007)
- Fische in Not: Bio-Shrimps (Schrot & Korn 1/2007)
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