Diese Seite drucken

Palmöl: Vertreibung von Bauern für Bio-Anbau

201024Mrz

b04Das Fernsehmagazin Report Mainz hat berichtet, dass der kolumbianische Bio-Palmöl-Hersteller Daabon Kleinbauern von ihrem Land vertrieben habe. Dort sollen künftig Plantagen für Bio-Palmöl entstehen. Die Vertreibungen wurden konkret mit Produkten von Allos, Alnatura und Rapunzel in Verbindung gebracht. Diese Firmen fordern eine rasche Aufklärung der Vorwürfe. Der von Report berichtete Konflikt um die Siedlung Las Pavas ist nicht neu. Bereits im September 2009 berichtete der britische Observer darüber, dass Daabon im Juli 2009 über 100 Familien von einer Ranch im Süden Kolumbiens habe vertreiben lassen. Aufgehängt wurde die Geschichte an einem populären Kunden Daabons, der Kosmetikkette Body Shop. Die Daabon Group ist ein kolumbianischer Mischkonzern, der auch ökologische Plantagenwirtschaft betreibt. Der Bio-Unternehmenszweig Daabon Organic ist seit 16 Jahren Handelspartner der deutschen Naturkostbranche und liefert nicht nur Palmöl, sondern auch Bananen, Kaffee und Kakao. In einem Nachhaltigkeitsbericht vom September 2008, den Daabon an seine Kunden verschickt hat, ist der Disput bereits beschrieben. Auf seiner Webseite berichtet Daabon über die Geschichte des Konflikts und seine Sicht der Vorgänge. Demnach seien sämtliche bisherigen Entscheidungen der Gerichte und Behörden zu Eigentumsfragen zugunsten des Konsortiums gefallen, dem eine Daabon-Tochtergesellschaft (mit 50 %) angehört. Dieses hatte das 1.200 Hektar große Gelände Anfang 2007 gekauft. Außerdem befinde man sich seit Mitte 2009 im Gespräch mit den Kleinbauern, die das Gelände für sich beansprucht hatten.

Daabon hat guten Ruf in der Branche

Um auch den Kleinbauern ein festes Einkommen zu sichern, sollen nach Angaben Daabons in der geplanten Ölmühle auch deren Palmfrüchte verarbeitet werden. Ein solches Modell hat Daabon bereits im Norden Kolumbiens umgesetzt, wo das Bio-Palmöl erzeugt wird, das viele deutsche Naturkosthersteller derzeit einsetzen. Beteiligt ist dort eine Kooperative mit 450 Familien, die neben ihrem Eigenbedarf Kakao und Ölpalmen anbauen. Die Aktivitäten von Daabon in Nordkolumbien sind (neben der Öko-Zertifizierung) auch nach dem Sozialstandard SA8000 zertifiziert, ein kleiner Teil der Produktion auch nach dem Fair-Standard von Ecocert. Von alledem war in dem Sechs-Minuten-Beitrag von Report Mainz nichts zu hören. Daabon selbst kam nur mit einem Satz zu Wort: „Die Räumung sei legal, Daabon sei der rechtmäßige Eigentümer.“ Die ausführliche Stellungnahme des Unternehmens wurde unerwähnt ins Netz gestellt. Aber in der Tat ist die Geschichte – wie wohl vieles in Kolumbien – komplizierter. Die Menschenrechtsorganisation FIAN berichtet, dass das umstrittene Farmgelände von den Bauern schon von 1997 bis 2004 besetzt gewesen sei, bevor sie von rechten Paramilitärs vertrieben worden seien (was Daabon nirgends erwähnt). Die britische Organisation Christian Peacemaker Teams berichtet, wie Daabon nach der Vertreibung bestehenden Wald auf dem Gelände gerodet hat.

1.000 Protestmails an Allos, Alnatura und Rapunzel

Die Organisation Rettet den Regenwald schreibt, sie habe bereits 2009 Naturkosthersteller auf die Vertreibung in Las Pavas aufmerksam gemacht und auch darauf, dass die Firma geschützte Ufervegetation illegal gerodet habe und die größte (konventionelle) Palmöl-Dieselraffinerie Lateinamerikas baue. Rettet den Regenwald hat mit Verweis auf Report Mainz eine Liste mit fast 600 Produkten – überwiegend aus dem Fachhandel – veröffentlicht, die Bio-Palmöl enthalten. Außerdem rief die Organisation zu einer Protestaktion auf, bei der (laut Webseite) binnen eines Tages über 1.000 Menschen Mails an Allos, Alnatura und Rapunzel geschickt haben. Rapunzel hat auf den Protest reagiert und schreibt in seiner Stellungnahme: „Unsere Rohstoffexpertin wird Anfang April den Lieferanten in Kolumbien besuchen. Dabei wird sie nicht nur das Bio-Anbaugebiet im Norden, aus dem Rapunzel sein Palmfett bezieht, inspizieren, sondern auch Las Pavas. Mit den Erkenntnissen des Besuches und den Bildern der Landvertreibung und Flächenrodung des ARD-Reports werden wir die Firma Daabon konfrontieren. Sollten sich die vom ARD-Report erhobenen Vorwürfe bezüglich Las Pavas bestätigen und die derzeit laufende Mediation der Parteien vor Ort keine konstruktive und einvernehmliche Lösung erbringen, so wird dies eindeutige Konsequenzen für die Geschäftsbeziehung mit Daabon haben.“ In der Stellungnahme von Rapunzel gegenüber Report hieß es noch zurückhaltender, man werde „bei Bedarf Verbesserungsmaßnahmen einfordern und überprüfen“. Allos schreibt: „Wir sind seit Kenntnis dieser Vorwürfe in intensivem Kontakt mit unserem Lieferanten zur Aufklärung der Sachlage. Aus unserer langjährigen Zusammenarbeit mit Daboon haben wir grundsätzlich keinen Grund an dem Verhalten unseres Lieferanten zu zweifeln. Daboon nimmt derzeit an einem Mediationsverfahren über den Konflikt „Las Pavas“ teil unter Leitung einer unabhängigen Nicht-Regierungsorganisation. Außerdem prüfen Gerichte den Fall. Der Vorwurf ‚Landvertreibung’ wiegt schwer, und uns berührt das von Journalisten geschilderte Schicksal der Familien. Es erfolgt eine kurzfristige Prüfung von Las Pavas über einen externen Bio-Zertifizierer vor Ort. Außerdem werden wir mit anderen deutschen Herstellern und Handelsunternehmen gemeinsam einen Audit vor Ort durchführen. Wir erwarten ein ökologisch und sozial verträgliches Verhalten unserer Geschäftspartner.“ Alnatura drängt ebenfalls auf rasche Klärung der Vorwürfe. „Auch wenn wir keine direkten Geschäftsbeziehungen zu Daabon haben, da wir das Palmöl nicht selbst einkaufen oder verarbeiten: Wir dulden keine Landvertreibungen und unfairen Arbeitsbedingungen, weder bei unseren Herstellern noch bei deren Lieferanten.“ (leo)

Kommentar

Das meiste Bio-Palmöl weltweit kommt von Daabon aus Kolumbien und von Agropalma in Brasilien. Insgesamt wachsen dort allerdings gerade mal auf etwa 10.000 Hektar Bio-Palmen – in Plantagen, die deutlich vielfältiger sind als die konventionellen, von denen es alleine in Kolumbien über 300.000 Hektar gibt. Die Umweltorganisation Robin Wood hat bereits 2007 beschrieben, wie die Menschenrechte von den konventionellen Palmölproduzenten mit Füßen getreten werden. Dass Report Mainz keinen Film darüber (und über die konventionellen deutschen Kunden dieses Palmöls) gemacht hat, sondern über Bio-Palmöl, mag viele Gründe haben. Einer ist sicher der, dass es gerade angesagt ist, Bio an den Karren zu fahren. Deshalb widmet sich die Hälfte des Films nicht der durchaus verzwickten Geschichte von Las Pavas, sondern den deutschen Bio-Lebensmitteln mit Palmöl. Da kommt kein Vertreter von Daabon zu Wort, wie es journalistisch üblich wäre, sondern es werden Werbevideos von Rapunzel und Allos gezeigt. Dass Daboon als „multinationaler Konzern“ und ein „Gigant auf dem Weltmarkt der industriellen Landwirtschaft“ vorgestellt wird, spricht für sich. Eine Vertreibung Landloser auch mit Rechtstitel passt nicht mit den Ansprüchen der Bio-Branche zusammen. Deshalb ist es gut, dass die Kunden Daabon jetzt stärker in die Pflicht nehmen wollen, als dies seit Bekanntwerden der Vertreibung im Herbst 2009 anscheinend der Fall war. Doch am meisten freuen sich über so einen Film die Hersteller und Verarbeiter von konventionellem Palmöl. Weil der Beitrag die Alternative undifferenziert schlecht macht.

Leo Frühschütz

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema


Manfred Loosen
Dieser Beitrag wurde vor am Mittwoch, 24. März 2010 um 10:38 Uhr veröffentlicht und unter Ernährung & Naturkost gespeichert. Sie können Kommentare zu diesem Eintrag über den RSS-2.0-Feed verfolgen.Sie können einen Kommentar hinterlassen, Pingbacks/Trackbacks sind momentan deaktiviert.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

HTML-Tags sind nicht erlaubt.